Dienstag, 9. Juni 2015

52/52 Challenge: Die Gedankenleserin

Nr. 48. :)
Viel Spaß beim Lesen.

Wort: Gedanke
Wörter: 767

Die Gedankenleserin

Das erste Mal passierte es, als ich noch sehr jung war. Ich war damals sehr verwirrt, als ich auf die ungesagten Worte antwortete und erschrocken angesehen wurde.
Ich lernte sehr schnell, dass ich vorsichtig sein musste, auf was ich antwortete und zu was ich besser nichts sagte. Am Anfang konnte ich die ungesagten von den gesagten Worten kaum unterschieden. Aber das wurde von Mal zu Mal leichter.
Dennoch war es oft sehr verwirrend. Manchmal unterschieden sich ihre gesagten Worte sehr von ihren ungesagten. Auf welche Worte ich reagieren durfte und musste, wusste ich. Aber welche Worte waren denn nun die Wahren?
Doch auch das fand ich relativ schnell heraus. Die wahren Worte waren eigentlich immer die ungesagten. Bei mir war das ja auch so. Schon allein deshalb, weil ich auf die ungesagten Worte nicht antworten konnte und durfte.
Noch etwas veränderte sich mit der Zeit. Als Kind hörte ich von Jedem in meiner Nähe die ungesagten Worte. Je älter ich wurde umso weniger Leute wurden es. Schließlich konnte ich nur noch von einer einzigen Person in meiner näheren Umgebung die ungesagten Worte hören. Welche Person das war, änderte sich jeden Tag.
Ich war ganz froh, dass es nur noch eine Person war. Das machte das Konzentrieren um einiges leichter. Denn tun konnte ich meist nichts. Was sollte ich auch schon tun? Viele Menschen hatten belanglose ungesagte Worte oder immer nur die Gleichen oder solche, die mich einfach nichts angingen. Es ging mich ohnehin eigentlich nichts an.
Doch wenn die für den Tag auserwählte Person so jemand wie einer meiner Eltern war, konnte ich ihnen manchmal kleine Freuden machen und das war schon schön.
Ansonsten hatte es aber eher unzählige Schattenseiten. Natürlich versuchte ich, wenn ich die ungesagten Worte depressiver Mitschüler hören konnte, diesen Personen irgendwie zu helfen. Aber es war wirklich nicht leicht. Wie sollte ich auch jemandem helfen, der mich gar nicht oder nur sehr wenig kannte? Natürlich konnten diese Personen mir nicht einfach vertrauen. Das würde ich an ihrer Stelle auch nicht tun. Schon allein deshalb, weil ich bereits als Kind auch viele schlimme, ungesagte Wörter gehört hatte.
Mit das Schlimmste war, dass die ungesagten Worte von jemandem zu hören, diesem Jemand alle Magie nahm. Nachdem ich Jemandes ungesagte Worte kannte, wenn auch nur für einen Tag, zerstörte das jedes Mal meine Vorstellung von dieser Person. Ich lernte sie dadurch unfreiwillig kennen und zwar auch das, was sie anderen vorenthielten, gerade das.
Das war wohl mit einer der Gründe, warum ich nicht viele Freunde hatte. Ich wollte ihre ungesagten Worte nicht kennen. Nicht solange sie sie mir nicht verraten wollten und sie somit keine ungesagten Worte mehr wären.
Es war ein Fluch. Ich würde es eindeutig als Fluch bezeichnen.
Bis zu dem Tag, an dem ich seinen ersten Gedanken hörte. Er arbeitete in einem Café in der Nähe der Schule, auf die ich ging. Ich hatte ihn ein paar Mal gesehen, als ich mir im Café etwas gekauft hatte und er gerade Schicht hatte. Er war ganz niedlich, ziemlich mein Typ und er war nett und hilfsbereit. Ich war schon ein bisschen verknallt in ihn und würde ihn eigentlich ganz gerne näher kennenlernen.
Nur würde ich dann früher oder später für einen Tag seine Gedanken zu hören bekommen und darauf war ich nicht wirklich scharf.
Dieser Fluch, der auf mir lag, behinderte mich beim Aufbau einer jeden längeren Beziehung, ob es jetzt Freundschaft oder was in Richtung Liebe war. Es war schrecklich. Ich war froh, dass es bei meinen Eltern halbwegs okay war. Sie waren tolle Menschen, hatten zwar ihre Geheimnisse, aber die waren erträglich. Wobei ich mich natürlich auch da vor dem Tag fürchtete, an dem sich das änderte. Denn es kam auch vor, dass ich die Gedanken einer Person, die ich schon einmal einen Tag lang gehört hatte, an einem anderen Tag wieder zu hören bekam.
Oftmals waren es aber Personen, mit denen ich absolut nicht rechnete, obwohl ich ja wusste, dass es Jeden treffen konnte. Dass ich viele der Personen gar nicht wirklich kannte oder einfach noch nie richtig bemerkt hatte, war klar. Trotzdem war ich manchmal sehr überrascht, wen es trag. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass ich mich sehr oft fragte, warum ich diese Fähigkeit oder wie immer man es nennen mochte, besaß.
Viel überraschender als die Person selbst, waren aber oftmals die Gedanken an sich. Viele verbargen so vieles von sich hinter einer Maske oder zeigten es schlichtweg nicht nach außen.
Doch was mich bei ihm, dem Jungen aus dem Café, so überraschte, war, dass sein erster Gedanke an dem Tag war: „Ich weiß, dass du mich hören kannst.

Montag, 8. Juni 2015

52/52 Challenge: Die schwarze Katze

Und die Nr. 47.
Wenn alles gut läuft, ist, wenn dieser Post online geht, bereits Nr. 49 fertig. Oder zumindest angefangen.^^
Viel Spaß beim Lesen. :)

Wort: Figur
Wörter: 715


Die schwarze Katze

Ich war nur eine einfache Figur, absolut nichts besonderes. Aber für zwei Menschen war ich sehr besonders.
Es fing gar nicht groß besonders an. Er nahm mich aus dem Regal, kaufte mich nach kurzem Überlegen und bei ihm Zuhause wurde ich in eine Schachtel getan und diese wurde in Papier eingewickelt.
Die Nacht und einige Stunden am nächsten Tag verbrachte ich in dieser Schachtel. Es war Weihnachten, glaub ich. Manche Leute hatten darüber geredet, als sie an meinem Regal gestanden hatten. Einige der Leute hatten meine Geschwister gekauft, weil die schwarze Katze schlicht und einfach war und eigentlich überall reinpasste. Deshalb hatte er mich wahrscheinlich auch gekauft. Warum auch sonst? Ich war ja nur eine Figur. Da gab es nicht besonders viele Gründe. Ich war eben ein guter Dekogegenstand oder eben nicht. Mehr gab es in meinem Leben nicht. Das war das Leben einer Figur. Das wusste ich schon von dem Moment an, als ich in der Fabrik mit allen anderen zusammen geschaffen worden war.
Irgendwann wurde die Schachtel wieder hochgehoben. Ich hörte, wie das Papier abgerissen wurde. Die Schachtel wurde geöffnet und ich in die Hand genommen. Es war ein junges Mädchen, das mich hielt. Sie musste in etwa so alt sein wie der Junge.
Was ist dein Wichtelgeschenk?“, fragte ein Mädchen, das neben ihr saß und schaute mich an. Sie schien etwas irritiert zu sein. Sie selbst hielt eine Weihnachtsmann Figur in der Hand.
Oh, da ist ja noch etwas in der Schachtel“, stellte das Mädchen, das mich in der Hand hatte, fest und holte einen Zettel aus der Kiste. Sie las ihn leise vor: „Weil eine schwarze Katze für mich kein Pech, sondern Glück bedeutet. Und das wünsche ich dir – Glück.“ Sie schaute irritiert und dann lächelte sie.
Sie legte mich wieder in die Schachtel, doch Zuhause bei ihr wurde ich sogleich ins Regal gestellt und da blieb ich viele Jahre. Ich konnte das gesamte Zimmer überblicken. Sie saß oft an ihrem Schreibtisch oder lag in ihrem Bett. Es war nicht sonderlich aufregend, sie zu beobachten. Im Regal zu stehen, war sowieso nicht besonders aufregend. Aber das sollte es ja auch nicht sein. Figuren hatten nun einmal kein besonders aufregendes Leben.
Doch dann geschah doch etwas aufregendes. Der Junge, der mich gekauft hatte, betrat eines Tages zusammen mit ihr das Zimmer, in dem sie schlief und lernte und lebte. Er sah sich um, als hätte es eine große Bedeutung, dass er da war und das hatte es wohl auch. Sie sah genauso aus, nervös irgendwie.
Er fand mich im Regal und lächelte. „Du hast die schwarze Katze noch“, stellte er fest.
Ja“, sagte sie. „Sie erinnert mich immer daran, positiv zu denken, so wie du es immer tust.“
Wow“, erwiderte er. „Dann hast du mich also wirklich wahrgenommen.“
Ja, die ganze Zeit.“ Ihre Worte klangen so einfach und waren doch so bedeutungsvoll, jedes Einzelne. Was auch immer zwischen ihnen war, es war besonders.
Und das war es tatsächlich. Während die Jahre vergingen, wurde ich zum Symbol ihrer Liebe. Sie zog um und nahm mich mit und stellte mich in ein neues Regal. Manchmal, wenn sie ihn sehr vermisste, stellte sie mich auf ihren Nachttisch. Dann konnte sie besser schlafen. Wenn selbst das nicht half, sah sie mich oft die ganze Nacht an.
Er sagte immer, dass er hoffte, dass es der schwarzen Katze gut ging, wenn ich sie miteinander telefonieren hörte. Und wenn er da war, kam nach ihrer Begrüßung stets die Frage, ob es der schwarzen Katze noch immer gut ging. Sie lachte jedes Mal.
Ich musste immerzu an diese Worte denken, die er damals auf den Zettel geschrieben und zu mir in die Kiste gelegt hatte. Weil eine schwarze Katze für mich kein Pech, sondern Glück bedeutet. Und das wünsche ich dir – Glück.
Ich verstand nicht viel davon, was das war, dieses Glück. Aber ich glaube, das hatte er ihr damals geschenkt, nicht mich. Er hatte ihr Glück geschenkt und ich stand stellvertretend für dieses Glück. Er hatte mir eine Bedeutung gegeben, sie beide hatten mir eine Bedeutung gegeben. Weil ich sie zusammengeführt hatte. Ja, irgendwie hatte ich das.
Das war schön. Das war wirklich schön. So bedeutungslos war das Leben einer Figur also gar nicht. Hätte ich einen Mund, würde ich lächeln.

08.06.2015 - Was wäre wenn

Dear Sweet Heart.

Was wäre, wenn ich direkt nach dem Abi angefangen hätte, zu studieren? Was wäre, wenn ich jetzt noch immer mein FSJ machen würde? Was wäre, wenn ich jetzt meine Sachen packe, mich in den nächstbesten Zug setzte und einfach wegfahre?
Was wäre wenn.
Was wäre, wenn ich noch mit meiner letzten besten Freundin befreundet wäre? Was wäre, wenn ich noch mit dem Mädchen von gegenüber befreundet wäre? Was wäre, wenn wir damals in der Wohnung wohnen geblieben wäre und ich weiter dort zur Schule gegangen wäre?
So viele, viele Möglichkeiten. So viele unterschiedliche Leben.
Meist macht dieses Gedankenspiel einen irgendwie traurig, weil es zeigt, was alles hätte sein können, aber nie gewesen ist. Und es zeigt, wovor man Angst hat, was man sich nie trauen würde, zu tun.
Es ermöglicht aber auch zu träumen, sich Dinge vorzustellen und auszumalen. Was hätte ich anders machen können? Was würde ich aus heutiger Sicht anders machen? Würde es wirklich einen Unterschied machen?
Man wird nie erfahren, wie es wäre, denn es gibt nur das Jetzt. Zumindest kennen wir nur das Jetzt. Wenn da noch andere Welten, entstanden aus anderen Entscheidungen, sind, wir kennen sie nicht.
Aber mir gefällt der Gedanke, das jede Vorstellung, jede Möglichkeit irgendwo Realität ist.
Und mir gefällt das Zukunfts-''Was wäre wenn''. Es ist noch so vieles möglich, so vieles offen, an jedem Tag aufs Neue.
Wir werden dieses Potential nie ganz nutzen können und das wird uns ärgern, uns frustrieren, uns unzufrieden und traurig machen. Doch allein es zu versuchen, bedeutet schon so viel. Es bedeutet, etwas zu tun, zu leben.
Denn wir können nicht jedes ''Was wäre wenn'' ausprobieren. Wir haben nur dieses eine Leben. Es ist ein schönes Gedankenspiel, aber wir sollten nicht zu viel Zeit hinein investieren, denn es bleibt ein Spiel der Gedanken, während das Leben real ist und gelebt werden will und muss.

Sonntag, 7. Juni 2015

52/52 Challenge: Die Taubenplage

Die Nr. 46. :D
Uff, hab nur bis 47 vorgeschrieben. o.o Okay und 48 ist so halb fertig.^^
Diese Kurzgeschichte gehört mit zu einem größeren Projekt bzw. wird es, wenn ich es denn so lasse.
Viel Spaß beim Lesen. :)

Wort: Feder
Wörter: 1064

Die Taubenplage

Mehr und mehr Tauben versammelten sich in der Stadt. Sie waren überall. Egal, wo man war, egal, wo man hinsah, überall waren Tauben. Das allein war schon bedenklich, aber fast noch seltsamer war, dass sie weder Dreck noch Federn hinterließen. Sie waren einfach nur da.
Im Fernsehen wurde es als Taubenplage deklariert und verschiedene Experten und Politiker diskutierten, wie man das Problem lösen könnte. Tierschützer protestierten dagegen, da die Tauben schließlich nicht aggressiv waren und es keine übermäßige Verschmutzung oder Sonstiges gab. Beunruhigend war diese hohe Anzahl an Tauben aber alle Male.
Was soll das nur bedeuten?“, fragte Scarlet sich zum wiederholten Mal.
„Du bist dir sicher, dass das was mit uns zu tun hat?“, wollte Kyle wissen.
Wärst du dabei gewesen, als diese Tauben sich um Ray und mich versammelt haben, wärst du auch überzeugt davon! Und ist dir nicht aufgefallen, wie viele Tauben sich um unser Zuhause versammelt haben? Sie sitzen auf dem Dach und vor der Haustür. Bei keinem anderen Haus sind es so viele. Es kann nicht nichts bedeuten. Zufälle gibt es nicht“, meinte sie und starrte weiter auf den Fernseher, wo zum wiederholten Mal der gleiche Bericht über ''die Taubenplage New Yorks'' lief.
Kyle verdrehte die Augen. Alle mussten immer alles gleich so dramatisieren. Deshalb war Adrian sein bester Freund gewesen. Er war nicht so gewesen. Er hatte das Leben gesehen und nicht irgendwelche Zeichen. Und jetzt war er tot... Wenn all diese ''Zeichen'', wie die anderen es inzwischen nannten, wirklich etwas bedeuteten, hätte Adrian auch diese Bedeutung entschlüsseln können. Er war unschlagbar in so etwas gewesen. Kyle hatte ihn immer dafür bewundert, wie er hinter alles blicken konnte. Aber Adrian war eben nicht mehr hier...
Wenn du meinst“, sagte Kyle also bloß und stand auf, um sich was zu Essen aus der Küche zu holen. Er bemerkte die Tauben, die draußen vor dem Fenster auf der Fensterbank saßen, nicht.
Unterdessen lag Ray zusammengekrümmt in seinem Bett. Das ging jetzt schon seit fast zwei Tagen so. Es war über zwei Wochen her, dass er diesen Traum gehabt hatte, in dem er eine Taube gewesen war. Seitdem war dieses Gefühl der Sehnsucht immer stärker und stärker geworden. Vor einer Woche hatte er es nicht mehr ausgehalten und den anderen davon erzählt. Inzwischen war es, als würde er innerlich zerreißen und verbrennen und das gleichzeitig. Es schmerzte und zog unvorstellbar heftig.
Lex lag seinem festen Freund gegenüber, ganz still. Er versuchte, Ruhe auszustrahlen. Gerne würde er Ray berühren, ihn in den Arm nehmen oder sonst irgendetwas tun. Aber Berührungen machten es nur schlimmer, hatte er gesagt und auch sonst gab es nichts, was er tun konnte. Er konnte nur da sein. Aber er wollte so gerne etwas tun!
Plötzlich durchbrach ein klickendes Geräusch die Stille. Verwirrt sah Lex sich um. Es war dunkel im Zimmer, da es spät geworden war. Doch auch so wüsste er nicht, was das für ein Geräusch sein sollte.
Was ist das?“, brachte Ray hervor und öffnete leicht die Augen.
Keine Ahnung“, sagte Lex und sah sich weiter um. Es kam... vom Fenster? In dem Moment wurde es plötzlicher viel, viel lauter und schneller. Ray schrie auf und warf sich von der Seite auf den Rücken. Ein pulsierendes Gefühl durchzuckte seinen Körper. Es war wie Feuer, brennende Sehnsucht.
Lex schnappte nach Luft, als er mit einem Mal auch etwas fühlte. Eine Art Kribbeln, das ein ganz warmes, beruhigendes Gefühl auslöste, aber es zog auch. Als wolle es ihn irgendwo hinziehen. Nur wohin? Oder besser: zu wem?
Ich fühle es auch“, stieß Lex hervor. „Ich fühle es auch!“
Mach, dass dieses furchtbare Geräusch aufhört!“, schrie Ray, der schwer atmend auf dem Rücken lag und konzentriert an die Decke starrte. Wo er es sagte, fiel es auch Lex wieder auf. Was als klickendes Geräusch begonnen hatte, war jetzt fast zu einer Art Getrommel angeschwollen. Wie als würde Regen gegen die Fensterscheibe schlagen.
Lex stand auf und trat ans Fenster. Er sah Tauben auf der Fensterband draußen sitzen. Sie schlugen mit ihren Schnäbeln gegen die Scheibe.
Mach, dass es aufhört!“, schrie Ray erneut und unterdrückte einen Schrei, während er erneut den Rücken durchdrückte.
Unschlüssig starrte Lex die Tauben an, die immer vehementer gegen die Scheibe hämmerten. Was sollte das? Was war hier nur los? Waren das etwa alles Dämonen? Aber Dämonen lebten tagsüber doch im Schatten und überhaupt würden sie nie solch reines, weißes Gefieder tragen. Weiß war ihnen schon allein deshalb zuwider, weil sie das Licht tunlichst mieden.
Was waren sie dann? Doch nicht etwa Gesandte eines Engels? Des einen Engels, von dem Haileys Vision gehandelt hatte und von dem auch Ray gesprochen hatte? Zog sie letzten Endes zu diesem Engel hin? War das diese Sehnsucht, die sie fühlten?
Es ergab alles Sinn. Auf diese Weise ergab es alles Sinn...
Mit einem Ruck riss Lex das Fenster auf. Die Tauben flatterten gurrend ins Zimmer. Ray schrie und hörte gar nicht mehr auf. Er warf sich auf dem Bett hin und her. Kyle und Scarlet kamen ins Zimmer gestürmt und riefen Lex etwas zu, aber über Rays Geschrei hinweg, war nichts zu verstehen.
Dann flogen die Tauben plötzlich in einer Reihe wieder aus dem Zimmer heraus. Lex stürzte ans Fenster und sah ihnen nach, doch hatte sie bald aus dem Blick verloren. Er hatte etwas gefühlt, eine Art Verbindung zu ihnen. Als wären sie wie er. Er war sich sicher, dass auch sie diese Sehnsucht fühlten. Die Sehnsucht, die Ray zu vernichten drohte.
Ray!“, stieß Lex hervor. Für einen Moment hatte er ihn fast vergessen, derartig befangen war er von den Tauben und dem Gefühl der Sehnsucht und der Verbindung gewesen. Jetzt stürzte er an das Bett seines festen Freundes, von dem die anderen Zwei dachten, er wäre nur sein bester Freund.
Ray hatte aufgehört zu schreien, atmete aber noch immer schwer. Doch er schien keine Schmerzen mehr zu haben, denn er setzte sich tatsächlich auf. Sein Herzschlag war so laut, dass er ihn hämmern hörte. Aber es schien kein Blut mehr zu sein, dass er durch seine Adern pumpte, sondern eine so heftige Sehnsucht und Anziehungskraft, dass er sich wie in Trance vorkam.
Blinzelnd schaute er auf seine Hände, in denen er eine einzelne, weiße Feder hielt. „Damit werden wir ihn finden“, flüsterte er. Er wusste es einfach. Er fühlte es. „Sie wird uns zu ihm bringen, zu unserem Engel.“

Freitag, 5. Juni 2015

52/52 Challenge: Königsspiel

Und Nr. 45. :)
Mit der ich sehr unzufrieden bin...

Wort: Katze
Wörter: 974

Königsspiel

Ich hob den Blick und sah mein Spiegelbild. Der Junge sah noch sehr jung aus, jünger als er tatsächlich war und doch wirkte er gleichzeitig zu alt. Wann war so viel Zeit vergangen? Wann war ich erwachsen geworden und warum hatte ich es nicht mitbekommen? Und wann waren meine Haare so lang geworden und meine Augen so dunkel?
Das einzig Vertraute war die dunkle Farbe meiner Haare und die schwarzen Katzenohren. Vergeblich suchte ich nach dem Licht, das sonst meine blauen Augen hatte strahlen lassen.
Seufzend wandte ich den Blick ab. Ich musste packen. Ich konnte hier in diesem Notfallversteck nicht lange bleiben. Ich war schon viel zu lange hier, fast zwei Wochen. Sie würden mich noch finden und zwingen, nach ihren Vorstellungen zu leben und wenn ich es nicht tun würden, würden sie mich umbringen. Das hatten sie mit meiner Familie getan. Sie waren alle tot. Alle.
Ich atmete tief durch, klaubte mein weniges Hab und Gut zusammen und schulterte den Seesack. Dieses Loch hier würde ich nicht vermissen. Es bestand aus nicht mehr, als einer Matratze, etwas Vorräten, einem Fenster und einem winzigen Badezimmer. Draußen würde es mir besser gehen, auch wenn ich das Alleinsein vermissen würde. Ich würde es vermissen, uneingeschränkt trauern zu können. Ich würde vor allem meine Familie vermissen. Hier drin hatte ich mir einreden können, dass sie doch noch dort draußen waren, dass alles nur ein böser Albtraum war. Draußen wartete die Realität auf mich.
Eine Realität, in der ich neben meiner toten Adoptivfamilie und meiner bei meiner Geburt gestorbenen leiblichen Mutter auch noch einen Vater hatte. Einen Vater, der mich einen Scheiß interessierte, weil er der Herrscher eines Gebiets war und die waren allesamt großkotzige Arschlöcher. Nichtsdestotrotz war er alles, was ich noch hatte und solange er nicht von irgendjemandem umgebracht worden war oder noch wurde, war ich sein Nachfahre und somit rechtmäßiger Erbe des Gebiets.
Ich wünschte, ich hätte nie angefangen, Nachforschungen über das Leben meiner Mutter anzustellen. Dann könnte ich jetzt einfach irgendwohin gehen. Irgendwohin weit weit weg und neu anfangen. Alles hinter mir lassen. Ein neues Leben beginnen.
Doch ich wollte Gerechtigkeit für meine Familie. Ich wollte nicht, dass sie nicht auf mich hätten stolz sein können. Und da ich alleine viel zu schwach war, um Rache zu nehmen, brauchte ich jemanden, der mir half und da all meine Freunde, alle, die ich liebte, ermordet worden waren, war mein ominöser, leiblicher Vater meine einzige Möglichkeit.
Also machte ich mich auf den Weg zu ihm. Mit dem klapprigen, alten Dampfzug reiste ich durch die Gebiete. Je weiter ich mich von meiner Heimat, dem Ort, wo ich aufgewachsen war, entfernte desto unwirklicher erschien mir das Ganze. Ich konnte einfach nicht realisieren, was passiert war. Ich wollte es nicht. Letztendlich blieb mir aber nichts anderes übrig. Das war jetzt mein Leben. Und es würde sich noch weit mehr ändern.
Nach fast drei Tagen Zugfahrt, der Zug fuhr die dämlichsten Umwege und hielt in jedem noch so kleinem Örtchen, kam ich endlich in dem Gebiet an, das wohl eines Tages mir gehören würde. Die Gebäude waren einfache Steinbauten, nichts besonderes. Es war kein besonderes Gebiet, nur eines von vielen. Der Name Königsland war bloß ein Name. Einen König hatte es in dieser Welt noch nie gegeben und das würde es auch nie. Katzenmenschen waren nicht dazu gemacht, beherrscht zu werden. Deshalb brachen auch immer wieder Kämpfe in den einzelnen Gebieten aus. Wahrscheinlich waren auch deshalb die Herrscher allesamt grenzenlose Arschlöcher, ihnen blieb kaum etwas anderes übrig.
Was würde ich tun, wenn ich eines Tages Herrscher über dieses Gebiet sein würde? Würde ich alles anders machen? Wäre das überhaupt möglich?
Daran konnte ich jetzt noch keinen einzigen Gedanken verschwenden. In meinem Kopf war nur Platz für die Rache, die ich für meine Familie und Freunde wollte. Und ich hatte schon etwas Angst davor, meinen leiblichen Vater kennenzulernen. Wie er wohl reagieren würde? Schließlich wusste er nichts von mir. Es sei denn er hatte mich ausfindig machen oder beschatten lassen oder ähnliches. Bei dem Gedanken wurde mir ganz anders. Das würde einem Herrscher ähnlich sehen.
Ich brauchte nicht lange suchen, bis ich das Anwesen des Herrschers über Königsland gefunden hatte. Es war das mit Abstand schickste Haus, eine Villa auf einem Hügel im Zentrum. Im Vergleich zu den anderen Häusern dieses Gebiets, kam es einem Schloss gleich. Ein weiterer Beweis dafür, was für ein Großkotz mein Vater wahrscheinlich war.
Aber als sein Sohn hatte ich Rechte und von denen würde ich Gebrauch machen. Deshalb war ich hier.
Mein Klopfen klang entschlossener, als ich mich fühlte. Als es danach eine Ewigkeit dauerte, bis mir geöffnet wurde, überlegte ich, abzuhauen. Eigentlich brauchte er nicht von mir zu erfahren. Eigentlich brauchte ich auch niemanden zu rächen. Sie wären schon froh, wenn ich ein glückliches Leben lebte. Was war ich doch für ein Feigling...
Ich hatte mich wirklich schon halb weggedreht, da wurde die Tür geöffnet.
Hier beim Herrscher über Königsland. Was kann ich für sie tun?“, sagte eine gelangweilte Jungenstimme. Ich drehte mich um. Er war nicht älter als 25, hatte dunkelbraunes Haar und müde, graue Augen. Wer war das denn? Doch nicht etwa irgendein Halbbruder von mir? Oh bitte nicht. Meine Rechte als Sohn hatte ich zwar trotzdem, aber ich hatte wirklich keine Lust, mich mit noch einem Großkotz rumzuschlagen. Wobei es wirklich sehr selten war, dass die Kinder, insbesondere eines Herrschers, bei dem Vater wohnten. Es war einfach nicht üblich.
Ich würde gerne zum Herrscher von Königsland. Ich bin sein Sohn“, sagte ich, nachdem ich die Schultern gestrafft hatte.
Der Junge mir gegenüber, der übrigens anscheinend bloß einen Bademantel trug, sah mich minutenlang einfach nur an. Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Empört wollte ich schon etwas sagen, aber er kam mir zuvor: „Also mein Sohn bist du ganz bestimmt nicht, Jungchen. Ich bin der Herrscher über Königsland.“

Donnerstag, 4. Juni 2015

52/52 Challenge: Schattenkrieg - Die Organisation Taube

Weiter geht's mit der Nummer 44.
1. Der General
2. Löwe
3. Die graue Maus
4. Phönix

Wort: Symbol
Wörter: 1177

Schattenkrieg - Die Organisation Taube

Sie war während des ersten Krieges gegen die Schatten und die Krankheit entstanden. Sie bestand aus Leuten, die die Krankheit irgendwie überlebt hatten. Leuten, die zu viel wussten. Leuten, die mehr wissen wollten. Leuten, die irgendetwas tun wollten. Die irgendwas gegen das Militär tun wollten.
Sie hielten sich versteckt in einem alten, halb zugeschütteten Bunker, von dem das Militär annahm, er sei zerstört worden. Sie harrten aus und schmiedeten Pläne.
Einer von ihnen war One. Er war der Sohn des Anführers der Organisation und hatte es hoch zum stellvertretendem Anführer geschafft. Er besaß eine Menge Willenskraft und Entschlossenheit und das war es auch, was ihn auf diesen Posten gebracht hatte. Da alles demokratisch durch Abstimmen entschieden wurde, hatte sein Vater da auch nicht mehr Einfluss, als jeder andere. Er konnte wirklich stolz sein, auf das, was er erreicht hatte und das war er auch. Er war unheimlich stolz.
Doch er wollte noch mehr. Er wollte seinen Vater stolz machen. Seinen Vater, den er so sehr bewunderte. Eines Tages wollte er so sein, wie er.
Mit argwöhnischen Augen sah sein Vater, Six, dabei zu, wie One mit den anderen, die zur Organisation Taube gehörten, sprach. Sie diskutierten eins der stets wiederkehrenden Themen – die Lebensmittel- und Wasserknappheit, die Krankheit und alles, was mit ihr zusammenhing und zu guter Letzt natürlich ihre Pläne bezüglich des Vorgehens gegen das Militär.
Heute ging es ums Militär. In letzter Zeit war das Thema etwas mehr in den Hintergrund gerückt, da besonders die Lebensmittel- und Wasserknappheit sehr präsent gewesen war. Doch heute hatte eine kleine Gruppe neue Vorräte beschaffen können und sie hatten dabei mehrere Rekruten des Militärs geschehen. Laut den Beobachtern waren es allesamt Kinder gewesen, der Älteste höchstens 18 Jahre.
One war auch fast noch ein Kind, gerade erst 20 geworden und doch sprach er sich klar dafür aus, dass sie den Rekruten nicht trauen sollten und immer zuerst mit Waffengewalt drohen sollten. „Angriff ist die beste Verteidigung“, sagte er.
Six wünschte, sein Sohn wäre nicht so wie er selbst und würde nicht so sehr zu ihm aufblicken. Er hatte Potential. Er hatte unglaubliches Potential und er war so wild entschlossen. Doch er wollte werden, wie sein Vater. Das war alles, was er je gewollt hatte. Manchmal fragte Six sich, was er falsch gemacht hatte, dass sein Sohn so sehr werden wollte, wie er selbst. Warum sah er keine anderen, neuen Wege? Warum biss er sich in dem Altbekanntem fest? Er wünschte wirklich, sein Sohn würde sich mehr darauf konzentrieren, sich selbst zu finden, anstatt ihm nachzueifern.
Ich mache mir auch Sorgen um ihn“, meinte seine Schwester, Four, die neben ihren Vater getreten
war.
Ich fürchte, dazu haben wir auch allen Grund. Er hat einen sehr großen Einfluss und viele glauben, dass seine Art zu denken, uns letztendlich zum Erfolg führen wird.“ Six kehrte der Diskussionsgruppe den Rücken zu und blickte seinem ältesten Kind in die Augen. Four wurde bald 30 Jahre alt. Vor zwanzig Jahren hatten sie den Krieg als 9 Jährige hautnah mit erlebt. Ihr Gesichtsausdruck war hart und unnachgiebig. Sie sah immer aus, als würde sie einen Panzer tragen, um sich zu schützen. Doch in ihren Augen flackerte Lebenswille und Lebenslust. Sie war ein so fröhliches, aufgewecktes Kind gewesen, hatte immer gelacht und stets das Positive in alles und jedem gesehen. Das tat sie noch. Trotz der Schutzmauer, die sie erbaut hatte, um weder Gefühle nach innen noch nach außen dringen zu lassen, konnte sie immer noch das Gute sehen. Das wusste er. Und es war eine sehr wertvolle und wichtige Eigenschaft.
One mochte stellvertretender Anführer sein, aber wenn es an der Zeit war und das würde schon bald sein, würde Four seine Nachfolge antreten. Six hatte seinem ältesten Kind bereits von dem Plan erzählt, den er sich überlegt hatte. Es würde nicht leicht sein, aber es würde funktionieren.
Dennoch schmerzte der Gedanke jedes Mal ein bisschen. Sie würden Gewalt anwenden, um diese Organisation wieder zu einer gewaltfreien Organisation zu machen. Aber das war nun mal die Ironie des Lebens.
Six blickte auf die tätowierte Taube auf seinem Handrücken. Jeder von ihnen trug so eine. Sie diente als Erkennungssymbol für ihre Organisation. Viele, besonders die Jüngeren, die One so sehr an den Lippen hingen, hatten vergesse, was sie wirklich bedeutete. Nach dem Tod seiner Frau, Five, hatte auch Six vergessen, was es bedeutete.
Doch jetzt, wo sein Leben sich dem Ende neigte, wo er spürte, wie das Gift in seinen Adern – und das war es, Gift und nichts anderes – ihn mehr und mehr von innen heraus zerfraß, erkannte er wieder, dass ein direkter Kampf keinen Sinn hatte. Denn ein direkter Kampf war genau das, was das Militär wollte.
Deshalb hatten sie sich damals ursprünglich in diesen Bunker geflüchtet, nachdem sie von den Experimenten und allem, was dahinter steckte, erfahren hatten. Die Schatten waren gekommen und die Krankheit ausgebrochen und sie hatten festgestellt, dass sie alle Teil eines Experiments waren. Es hatte Six zutiefst erschüttert, dass seine Frau, Five, eine der Wissenschaftlerinnen war und obendrein auch noch ihre eigene Familie als erste Probanden gewählt hatte.
Allerdings hatte sie nicht gewusst, was wirklich hinter allem steckte. Sie hatte falsch gehandelt, das war ihr selbst mehr als nur bewusst gewesen. Aber sie hatte es für ihre Familie getan, besonders ihre Söhne waren perfekt geeignet gewesen. Six war immer noch wütend auf sie deswegen, aber er konnte sie nicht hassen. Sie war schon immer eine sehr leidenschaftliche Wissenschaftlerin gewesen, die keine Risiken scheute. Am Ende hatte sie das ihr Leben gekostet, da auch sie als Probandin fungiert hatte und bei der Geburt ihrer zweiten Tochter, Seven, gestorben war.
Er wird nie vergessen, was sie an an ihrem Sterbebett zu ihm sagte und wie sie wieder und wieder von der Taube und vom Frieden sprach. „Ich wollte nie einen Kampf, einen Krieg. Was passiert ist, der Unfall, das ist schrecklich. Aber damit hatte ich direkt nichts zu tun. Ich wollte immer nur Frieden für euch, meine Familie, für uns. Ich wollte, dass wir ein langes, friedliches Leben führen können. Es klang so vielversprechend, als sie sagten, wir können ewig leben und niemand müsse je mehr sterben. Es klang so vielversprechend... So friedlich. So wunderbar friedlich. Ich habe immer geträumt, dass eine Taube zu allen kriegtreibenden Menschen dieser Welt fliegt und ihnen den Frieden bringt. Ich wollte diese Taube sein. Ich wollte, dass ihr diese Taube seid. Ich wollte, bloß Frieden.
Ihre Absichten waren rein gewesen, immer. Ihre Logik mochte etwas seltsam und fragwürdig gewesen sein, aber sie hatte nie jemandem weh tun wollen. Nicht sie. Niemals. Sie war einfach zu naiv für diese Welt gewesen.
Six wünschte, dass diese Naivität eines Tages die Welt würde retten können. Vielleicht würde Seven, die Jüngste der Familie, eines Tages die Welt retten...
Sie liebte Tauben, hatte sie einmal gesagt. Natürlich liebte sie Tauben. Six hatte ihr wieder und wieder von dem Traum ihrer Mutter erzählt. Wenn jemand an das Symbol der Taube und dem ihr innewohnenden Frieden glaubte, dann war sie es.
Eines Tages würde sie zur Taube werden und Frieden schaffen.

Mittwoch, 3. Juni 2015

52/52 Challenge: Schattenkrieg - Phönix

Nr. 43. :D
1. Der General
2. Löwe
3. Die graue Maus

Wort: Phönix
Wörter: 1834

Schattenkrieg - Phönix

Er war der Beeindruckenste von ihnen allen. Natürlich waren sie alle beeindruckend. Deshalb waren sie ausgewählt worden. Deshalb gehörten sie der speziellen Sondereinheit an. Deshalb wurden sie ausgebildet, um gegen Schatten und die Krankheit zu kämpfen. Sie waren die Einzigen, die es konnten. Die Einzigen, die dazu befähigt waren. Das wurde ihnen während ihres Trainings jeden Tag mehrmals gesagt.
Zu Anfang verstand keiner, was dieser kleine, schmächtige Junge bei ihnen sollte. Er schien nichts besonderes zu können. Während alle anderen ihre Fähigkeiten aktivierten, weiter entwickelten und trainierten, machte er immer nur Ausdauertraining. Natürlich wurde jeder unterschiedlich ausgebildet, weil jede Fähigkeit unterschiedlich war. Aber niemand trainierte nur, in dem er die ganze Zeit joggte. Und der kleine, schmächtige Junge tat nichts anderes!
Irgendjemand hätte ihn einfach fragen können, aber er war ziemlich verschlossen und immer für sich. Die Meisten wussten nicht einmal seinen Codenamen und die, die ihn wussten, waren nur noch verwirrter dadurch oder machten sich über ihn lustig.
Phönix? Du wirkst also wiederauferstehen, wenn man dich tötet oder dich super schnell heilen können?“ Sie lachten. Sie machten sich über ihn lustig, konnten sich nicht vorstellen, dass er zu so etwas fähig sein sollte. Es passte nicht zu ihm. Allen anderen sah man ihre Fähigkeiten nämlich auf die ein oder andere Weise an. Sie war bereits ein Teil von ihnen. Der Junge aber war absolut nichtssagend, klein und schmächtig eben und es sprach ja auch keiner mit ihm und er auch mit niemandem, weil weder andere noch er das wollte.
Oder wollte er doch? Manchmal sah es so aus, als würde er mit jemandem sprechen wollen, sich dann aber dagegen entscheiden. Maus beobachtete ihn manchmal. Sie fand ihn interessant und auf gewisse Weise sogar anziehend, nicht auf romantische oder sexuelle Weise, sondern als Person. Er hatte irgendetwas. Etwas, dass die anderen übersahen.
Schließlich kam der Tag, an dem sie in einzelne Teams eingeteilt wurden und alle gemeinsam zu dem Ort geschickt wurden, wo die Schatten zurückgekehrt waren und die Krankheit wieder ausgebrochen war. Es war ein Dorf irgendwo im nirgendwo auf dem Land.
Sie steckten Phönix in das Team, die ihn am meisten verachteten und kein bisschen glaubten, dass er irgendetwas konnte. Eigentlich waren sie natürlich alle ein bisschen eifersüchtig, dass er so eine Sonderbehandlung hatte und keiner seine Fähigkeiten bis jetzt gesehen hatte. Vielleicht hatten sie sogar ein bisschen Angst. Aber solche großkotzigen Leute wie sie würden so etwas niemals auch nur ansatzweise zugeben. Maus wusste es nur, weil sie so gut im Beobachten und Lesen von Menschen war.
Auch sie war in seinem Team und sehr froh darüber. Sie könnten sich näher kennenlernen. Also, falls er sie wahrnahm, könnten sie sich näher kennenlernen. Direkt nachdem sie rekrutiert worden war, hatte sie sich so wunderbar beachtet gefühlt. Endlich war sie jemand besonderes gewesen, jemand wichtiges, jemand bedeutungsvolles. Doch dann hatte sie erkennen müssen, dass es noch fast dreißig weitere besondere Jugendliche gab. Sie war nur eine von Vielen, ging in dem Meer unter. So wie immer.
Aber so wie immer war sie nicht gewillt aufzugeben. Nicht, weil sie stark war, sondern weil sie sich selbst nie würde genug hassen können. Ihr war das Nicht-Beachtet-Werden im Grunde gleichgültig, so wie sie allen gleichgültig war. Es hatte keine Bedeutung, weil nichts, das sie war, eine Bedeutung hatte.
Phönix hatte eine Bedeutung, eine sehr große Bedeutung. Sie spürte das ganz deutlich.
Und sie sollte Recht behalten.
Von sich selbst überzeugt, wie die Macho-Kerle nun mal waren, stürmten sie gleich in das erste Haus, das sie untersuchen, überprüfen und reinigen sollten.
Maus ist gleich aufgefallen, dass die Stadt seltsam verlassen ist und sie weiß zwar, so wie alle anderen, was die Schatten und die Krankheit anrichten, dass sie die Menschen in wandelnde Tote verwandeln und sich in jedem noch so kleinen Schatten verstecken können, aber es ist trotzdem beängstigend und man kann gar nicht vorsichtig genug sein. Außerdem ist Training nie ein Vergleich für die Realität.
Sie wusste also, dass etwas passieren würde, als die Idioten das Haus stürmten. Aber was hätte sie tun können? Sie aufhalten? Mit ihnen reden? Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie bemerkt hatten, dass sie in ihrem Team war. Und Phönix konnte auch nichts ausrichten. Auf ihn würden sie auch nicht hören.
Also blieben sie draußen stehen, während die anderen drei in das Haus hineinliefen und ziemlichen Krach machten. Sie konnte nur mit dem Kopf schütteln. Dachten die etwa, das wäre ein Spiel? Sie seufzte und spürte mit einem Mal den Blick von Phönix auf sich. Es kam so selten vor, dass sie jemand direkt ansah, dass sie etwas zusammenzuckte.
Er lächelte leicht, ein etwas schüchternes Lächeln. Ja, er war schüchtern, das hatte sie auch schon beobachtet. Aber da steckte noch mehr dahinter.
Gehen wir rein?“, fragte er. „Irgendwer muss ja auch die Idioten aufpassen.“
Jetzt musste sie grinsen. Nicht zuletzt auch deswegen, weil er sie bemerkt hatte. Er hatte sie wirklich bemerkt. „Ja, du hast wohl recht.“
Kaum betraten sie das Haus, passierte es. Jemand schrie, laut und durchdringend und er hörte nicht auf. Er schrie immer weiter. Andere Stimmen waren zu hören, weitere abgehackte Schreie, schnelle Schritte auf der Treppe.
Was ist los?“, fragte Phönix, als einer der anderen drei Jungen stehen bleiben musste, weil sie ihm den Weg versperrten. Nackte Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Wir müssen hier raus!“, stieß er hervor. „Wir müssen ganz schnell hier raus! Da oben... Da oben, da ist... Da ist... der Tod.“ Sein Gesicht war aschkahl und er zitterte unkontrolliert am ganzen Körper. Er sah aus, als hätte er einen Geist gesehen, vermutlich hatte er das auch. Denn im Grunde war es das, was mit den Opfern der Krankheit passierte, sie wurden zu Geistern. Geister, die anderen Menschen das Leben aussaugen konnten und sie somit selbst zu Geistern machten.
Genau deshalb sind wir doch hier. Wir sollen den Tod besiegen, das Haus, dieses ganze Dorf von ihm reinigen, diese Menschen erlösen“, meinte Phönix.
Der andere Junge starrte ihn bloß an. „Ich gehe da nicht wieder rauf!“, sagte er dann entschieden und schob sich an den Zwei vorbei und rannte aus dem Haus.
Schisser“, murmelte Maus ihm hinterher, was ihr ein Grinsen von Phönix einbrachte.
Na, warten wir mal ab, wie es dir gleich ergeht. Ich nenne dich dann auch Schisser, wenn du wegrennst“, meinte er.
Wenn das so ist, mache ich das Gleiche, wenn du wegrennst“, erwiderte sie grinsend.
Ja, eigentlich sind wir doch alle Schisser“, sagte er und es sollte wohl lässig klingen, hörte sich aber viel zu ernst an, als er seinen Blick auf die Treppe richtete.
Du nicht, dachte sie bei sich. Du bist kein Schisser. Er hatte Angst, ja. Seine Hand zitterte, als er mit ihr das Geländer der Treppe umschloss und die Stufen hinaufzusteigen begann. Doch er ließ sich nicht von seiner Angst kontrollieren, im Gegenteil. Er nutzte sie als Antrieb. Seine Angst wurde mit jedem Schritt größer, aber so auch seine Entschlossenheit. Sie wünschte, sie könnte ihn mehr bewundern, als ihre eingeschränkten Gefühle es zuließen.
Oben angekommen lauschten sie einen Moment. Der Schrei dauerte nach wie vor an, ein durchdringender, langgezogener Ton. Wenn einer der zwei Jungs, die noch hier oben waren, schrie, wo war dann der andere?
Sie folgten dem Schrei zu seinem Ursprung. Es war das Schlafzimmer. Die Tür stand weit offen und gab den Blick auf einen großen Schrank frei. Die zwei Jungen standen davor. Der eine drückte den anderen gegen den Schrank. Der, der gegen den Schrank gedrückt wurde, war derjenige, der aus Leibeskräften schrie. Sein Gesicht war schmerzverzehrt, aber wirklich erschreckend waren seine Augen. Sie waren leer, absolut leer, ohne Pupille, weiß.
Oh mein Gott“, flüsterte Maus betroffen. Das Leben wurde aus ihm herausgesaugt. Es war schon aus ihm herausgesaugt worden. Es war zu spät. Zu spät. Sie hatten ihn verloren. Er war... tot. Es schockte sie mehr, als sie gedacht hätte, dass es das könnte.
Phönix neben ihr atmete tief ein und aus, immer wieder, als müsse er sich beruhigen. Seine Hände zitterten nach wie vor, aber es wurde langsam weniger.
Lass ihn los“, sagte er dann, etwas zu leise. „Lass ihn los!“ Dieses Mal war seine Stimme lauter, druchdringender. Der Junge, der den anderen gegen den Schrank drückte, drehte sich um. Dabei fiel der Körper des Ausgesaugten leblos zu Boden.
W-Was hast du vor?“, flüsterte Maus. Sie hatten Waffen bekommen. Sie hielt eine der Pistolen in der Hand. Er hatte auch eine, aber er schien nicht vorzuhaben, sie zu benutzen. Stattdessen streckte er seine Hand dem Jungen entgegen.
Der Junge, der von einem Schatten besessen war. Die, die von der Krankheit befallen wurden, die ausgesaugt wurden, wurden zu Geistern, die immer mehr Geister erschufen. Jene, die besessen wurden, wurden entweder auch Geister oder verwandelten sich ebenfalls in Schatten.
Phönix sah, dass der Junge besessen war. Seine Augen waren sehr dunkel und seine Haut durchzogen von dunklen Linien. Das waren die Anzeichen dafür, das jemand besessen war. Dennoch bewegte er sich und seine Hand Millimeter für Millimeter dem Jungen entgegen und schloss schließlich die Augen.
Er hörte Maus irgendetwas rufen, da berührte er bereits die Stirn des Besessenen. Augenblicklich ging eine Welle der Energie durch ihn. Sie hatten ihm gesagt, wie es sein würde, aber er hatte es bisher noch nie gespürt. Jetzt rauschte es durch seinen Körper, so wie sie gesagt hatten, bloß tausend Mal intensiver. Es war so heftig, dass er aufschrie. Ihm wurde heiß. Es brannte, auch das hatten sie ihm gesagt. Er selbst würde brennen. Er würde brennen für jene, die eigentlich schon verloren waren. Er würde brennen und sie zurückholen.
Als es genug war, das konnte er spüren, löste er die Verbindung zu dem Besessenen, in dem er seine Hand zurückzog. Dumpf ging er zu Boden. Aber er war nicht tot, im Gegenteil. Er hatte ihm gerade das Leben gerettet. Es kribbelte in seinen Fingerspitzen. Ein kleines Lächeln legte sich auf seine Lippen. Dann ging er hinüber zu dem Ausgesaugtem. Wenn er sich nicht verschätzt hatte, war es noch nicht zu spät. Noch nicht.
Er legte auch dem anderen Jungen seine Hand auf die Stirn, schloss die Augen und brannte für ihn, um ihn zu heilen. Ihm war schwindelig, als er fertig war und seine Hand zurückzog.
Den Geist. Wir müssen noch den Geist töten“, sagte er zu Maus, die noch immer im Türrahmen stand. Er sah sie nicken, aber sie sah so verschwommen aus. Was war los? War das schon zu viel gewesen? Aber wenn...
Er verlor das Bewusstsein. Er träumte von Feuer und Asche. In seinem Traum hatte er brennende Flügel und seine Hände waren mit schwarzer Asche bedeckt. Das sah er in einem Spiegel, der vor ihm stand. Er sah auch, dass er dabei war, zu verschwinden, ein Geist zu werden. Das war der Preis. Der Preis, den er am Ende zahlen würde. Er würde brennen, würde für sie alle brennen, um am Ende selbst einer von denen zu werden, die es auszulöschen galt. Ironisch. Wirklich ironisch...